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Monday, April 4, 2011

Sag zum Abschied leise...

Um meiner Trauerarbeit einen weiteren Meilenstein zu setzen, poste ich heute die Rede, die ich beim Begräbnis halten durfte. Meine Familie ist keine Familie großer Worte, so bilde ich quasi eine Ausnahme, und es war allen sofort klar, dass ich beim Begräbnis sprechen soll. Fast 3 Wochen her ist es nun, dass ich diese Worte vor meiner Familie und den Freunden meiner Oma sprach, allerdings auf polnisch:

Als ich klein war, wuchsen mein Bruder und ich fern von meiner Oma auf, wohingegen meine Cousine Ania mit meiner Oma sogar im gleichen Haushalt lebte. Ania zog meinen Bruder und mich immer damit auf, dass unsere Oma eigentlich ein bisschen mehr ihr gehört und auch sie am meisten liebt. Mein Bruder und ich wollten das natürlich nicht auf uns sitzen lassen und beharrten darauf, dass die Oma mich (behauptete ich) bzw. meinen Bruder (behauptete mein Bruder) am meisten liebt.
Meine Oma überhörte eines Tages unsere Streiterei und beschloss dem ein Ende zu setzen, indem sie uns sagte, dass sie uns wirklich verraten würde, wen von uns sie am meisten liebt.
Sie machte ein Spiel daraus: jedem von uns wollte sie ein Stück Papier geben, und wer etwas darin eingewickelt finden würde - den liebt sie am meisten. Sie drehte uns den Rücken zu und wickelte ganz geheimnistuerisch die kleinen Zettel.
Als sie mir meinen Zettel gab und ich ihn aufrollte fand ich darin eine Münze - damals ein 10-Pfennig-Stück und war überglücklich offensichtlich diejenige zu sein, die von meiner Oma am meisten geliebt wurde. Quasi sofort bemerkte ich aber, dass auch mein Bruder und meine Cousine eine Münze in ihren Zetteln gefunden hatten. So hat uns meine Oma also "ausgetrickst".

2 Gedanken zu dieser Kindheitserinnerung möchte ich loswerden:
Erstens: Der Grund, wieso wir alle so sehr die Liebe meiner Oma heischten, war, dass wir wussten - wen auch immer meine Oma liebt, der kann sich ihrer Unterstützung, Hilfe, Loyalität, Wärme und Herzlichkeit sicher sein.
Zweitens: Noch bevor ich mein Stück Papier aufgewickelt hatte, war ich mir schon sicher, dass ich diejenige sein werde, die etwas darin findet. Alle drei waren wir uns sicher, die am meisten geliebten zu sein. Denn meine Oma gab jedem Menschen das Gefühl, dass er von ihr am meisten geliebt hat. Sie hat uns - euch - alle am meisten geliebt. Am meisten von der Welt.

Abschließend will ich noch kurz etwas berichten, was erst vor kurzem passiert ist. Mein Bruder fragte mich, ob ich vielleicht ein gutes Foto von meiner Oma hätte. Ich bejahte - ich habe hunderte gute Fotos von der Oma. Und so durchforstete ich meine Festplatte - und es stimmt: ich habe hunderte gute Fotos von meiner Oma. Aber auf keinem ist sie alleine zu sehen. Jemand lehnt sich gerade an sie oder sie umarmt jemanden oder sie sitzt einfach mit uns allen bei Tisch, das Wodka-Glas mit Selbstgemachtem gefüllt.
Ich bin sehr dankbar dafür, dass meine Oma nie die Einsamkeit erleben musste, die heutzutage viele alte Menschen erleben. Bis zum Schluss war sie umgeben von Familie und Freunden.
Und ich bin dankbar, dass es uns vergönnt war, so viele Jahre von ihr geliebt zu werden.

2 comments:

  1. Eine schöne und sehr persönliche Ansprache. Ich finde es gut, wenn nahe Verwandte diesen Dienst erweisen.

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  2. Oh man Magda,

    erstmal mein aufrichtiges Beileid. Und ich bin froh, dass deine Oma nicht allein sein musste. Einsamkeit ist nänlich was grausames.

    Ich hoffe, dass es ihr im Himmel gut geht und du bald mit einem Lächeln zu ihr hinaufsehen kannst!!!!

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